Prospekt des Ernemann Kinos Modell 1906

Neuer Kinematograph für Amateure

 

„Wie aber werde der Amateur begeistert, dem die Photographie von jeher ans Herz gewachsen war. Sprach man schon bei Erfindung der Photographie viel von ihrem wissenschaftlichen Wert, die dem einzelnen Menschenleben wertvollsten Bilder sind doch aus dem Kreise der eignen Familie. Ob es wohl jemals in der Kinematographie soweit kommen würde? Dann mit welcher Liebe werden nicht die Photographien der Familienangehörigen als treue Andenken aufbewahrt! Doch was sind jene Photographien verglichen mit den kinematographischen, den lebenden Bildern. Tot und starr schauen und die Züge an, die oft noch durch die Retouche mit einem erkünstelten Gesichtsausdruck versehen sind, welchen wir an der Person wohl nie kennengelernt haben. Wie anders dagegen das kinematographische Bild! Bewegung kommt in die starren Züge und Glieder; sie werden lebendig! Da ist nicht mehr jene eisige Kälte über dem Bilde des Groβvaters mit dem Enkelchen auf dem Knie, dessen Kopf durch die Stützklammern in eine unnatürlich Lage gezwängt ist, dessen Augen fest auf den vorgeschriebenen Punkt starren -- nein--, man sieht ihn in seinen eigentümlichen Bewegungen, die oft den inneren Charakter erkennen lassen, kurz: man sieht ihn lebend. Und wie viele Begebenheiten gibt es nicht im Leben, die man gern in ihrer natürlichen Bewegung für immer aufbewahren möchte. Da sind die ersten Schritte, welche dem Jüngsten nach langen Versuchen gelungen sind, da ist der erste Gang zur Schule, da ist der Gang zum Traualtar. Da sind zahllose andere bedeutungsreiche Augenblicke, deren „für immer bewahrtes Leben" von unschätzbaren Werte sein kann." (S.6)

„Nach mehrjährigen Versuchen gelang es uns schlieβlich einen all diesen Anforderungen entsprechend Apparat zu konstruieren, den wir Anfang 1903 unter dem Namen

 

„Ernemann-Kino"

 

in den Handel brachten, der Erfolg war ein durchschlagender. Die Kinematographie, dieses eminent wichtige Erziehungs-, Bildungs- und Unterhaltungs-Mittel ward zum Gemeingut Aller. Rasch bürgerte sich dieser kleine Apparat in den Kreisen der ernst arbeitende Amateure ein und auβer für reine „Amateurzwecke" fand er zahlreiche Anwendung für wissen-schaftliche Forschung. So wurden Expeditionen nach unerforschten Gebieten mit dem „Ernermann-Kino" ausgerüstet, um Kunde vom Leben und Treiben der Naturvölker zu uns zu bringen. Durch die mit demselben Apparat ausführbare Mikro-Kinematographie, wenn man die Wiedergabe von Bewegungen in etwa 1000facher natürlicher Gröβe als solche bezeichnen will, ist dem Studium der Bewegungs-Phasen niederer Tiere ein groβer Vorschub geleistet worden. Umgekehrt lassen sich sehr langsam, fόr das Auge nicht wahrnehmbare Bewegungen ( z.B. das Wachstum von Pflanzen) sichtbar machen, indem man in entsprechend groβen Zeitabschnitten Aufnahmen von gleichen Standpunkt aus macht und durch Projektion derselben im „Ernemann Kino" der Vorgang auf kurze zeit konzentriert." (S. 7)

Vorführung des Ernemann-Kinos u.a. bei dem Wohltätigkeits-Basar unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Königin-Witwe Carola von Sachsen 11.11-13.11. 1905.

16.02 1906 ebenfalls vor Seiner Majestät dem König Friedrich August von Sachsen und Seiner Königliche Hoheit dem Prinzen Johann Georg.

„ Es sei nicht unerwähnt, dass S. M der König von Sachsen selbst schon Aufnahmen mit dem Ernemann-Kino gemacht hat."