Die Anfänge
 der Amateurkinematographie
 in Deutschland


Thomas Vogt/Köln

The following text is chapter 2 from the master thesis that was handed in by Thomas Vogt at the University of Köln/Germany in Juli 2003. Thomas was an enthusiastic visitor of this site and supported the project with additional information about the activities of Fridolin Kretzschmar in Dresden around 1902.


1895 bis 1914: Die frühen Jahre

 

1895, das Jahr in dem die Gebrüder Skladanowsky in Berlin und die Gebrüder Lumière in Paris die ersten öffentlichen Filmvorführungen gaben, gilt allgemein als Geburtsjahr des Films. Die Filmtechnik war jedoch keineswegs plötzlich über Nacht entstanden. Rund um den Globus waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Menge technischer Fortschritte und Entdeckungen auf dem Gebiet der Photographie gemacht worden, die letztendlich alle zur Entstehung der Kinematographie beitrugen. Auf der Suche nach einer Möglichkeit zur Aufnahme und Wiedergabe bewegter Bilder war man weltweit zu relativ ähnlichen Lösungen gekommen. Das macht es schwer, eine bestimmte ´Stunde Null´ für die Geschichte des Films festzulegen, und auch ´der Vater´ oder ´das Ursprungsland´ des Films lassen sich daher nicht eindeutig bestimmen.


Auf die zahlreichen einzelnen Entwicklungen, aus denen die Filmtechnik hervorgegangen ist, möchte ich hier nicht im Detail eingehen. Die physikalischen, chemischen und wahrnehmungs-physiologischen Grundlagen, die das Phänomen der ´lebenden Bilder´ erst ermöglichen, sind für die Amateurfilmtechnik dieselben wie für den professionellen Film und müssen hier nicht gesondert erläutert werden.


Eine Entwicklung, die später für die Verbreitung sowohl des professionellen als auch des Amateurfilms von entscheidender Bedeutung war, soll allerdings kurz erwähnt werden: 1889 brachte George Eastman in den USA für seinen Amateur-Photoapparat Kodak erstmals einen biegsamen, transparenten Film aus Nitro-Zellulose als Trägermaterial für photographische Aufnahmen auf den Markt. Diesen 70 Millimeter breiten Film trennte Thomas A. Edison für seine kinematographischen Experimente in zwei gleich breite Streifen und versah diese beidseitig mit Perforationslöchern, je vier pro Bild, und schuf damit das Filmformat, das wenige Jahre später zum weltweiten Standard der Filmindustrie werden sollte und bis heute in sämtlichen Kinos verwendet wird: den 35mm-Film. Dieses Filmformat ist für den kommerziellen Film deshalb von solcher Bedeutung, weil es als internationale Norm die globale Kompatibilität von Filmen und Geräten sicherte und somit erheblich zur Ausbreitung des Films beitrug, und für den Amateurfilm, weil es auch auf diesem Gebiet lange Standard war, von dem ausgehend man schließlich schmalere und billigere Filmformate speziell für den Amateur entwickelte.


Den 35mm-Film benutzte Edison bereits 1893 für sein Kinetoscope, einen Guckkasten-Apparat, in dem die vermutlich ersten Filme der Welt von jeweils einer einzelnen Person angesehen werden konnten. Als Kriterium, warum nicht Edisons Gerät, sondern die Vorführungen der Lumières und Skladanowskys allgemein als Geburtsstunde des Films angesehen werden, gilt der Aufführungscharakter ihrer Vorstellungen: Während das Kinetoscope immer nur eine Person unterhielt, projizierten sie ihre Filme öffentlich vor einem größeren zahlenden Publikum auf eine Leinwand und etablierten damit eine Rezeptionsweise des Films, die sich bis heute in den Kinos gehalten hat. Auf diese Weise erreichten sie pro Gerät und Filmkopie eine wesentlich größere Anzahl von Zuschauern als Edisons Gerät und verdienten so natürlich auch wesentlich mehr Geld.


Diese neue Form der öffentlichen Unterhaltung verbreitete sich rasend schnell. Bereits 1896 fanden in den meisten größeren Städten rund um die Welt erste Filmvorführungen statt, stets vor vollem Haus. Schon bald begannen Hersteller kinematographische Geräte in Serie zu produzieren, da immer mehr fahrende Schausteller in dieser neuen Projektionskunst einen zugkräftigen Publikumsmagneten erkannten und ihr Programm um die Vorführung lebender Photographien erweitern wollten. Angesichts des großen Interesses, das die Öffentlichkeit an diesen Kinematographen-Vorstellungen zeigte, kamen schon sehr früh einige Fabrikanten auf die Idee, ihre Geräte nicht nur solchen Käufern anzubieten, die sie zum eigenen Broterwerb nutzten, sondern auch dem interessierten Privatmann. Die ersten speziell für den Amateur und Heimgebrauch hergestellten Filmkameras und Projektoren unterschieden sich von den Berufsgeräten nur geringfügig. Sie benutzten ebenfalls den 35 Millimeter breiten ´Normalfilm´ und waren ähnlich unhandlich. Aber recht schnell gab es auch erste Versuche, den Film schmaler, die Geräte kleiner und damit beides für den Amateur erschwinglicher zu machen. Einige dieser Geräte für den Amateurfilmer möchte ich im Folgenden genauer vorstellen.


2.1. Erste Filmgeräte für den Privatgebrauch

 

Ähnlich wie beim professionellen Film lässt sich auch für den Film als Heimmedium nur schwer eine exakte ´Stunde Null´ bestimmen. Die Quellenlage zur Frühzeit des Amateurfilms und der Heimkinematographie ist dünn, vielleicht noch dünner als die zum frühen kommerziellen Film, da dieser Bereich lange Zeit keiner ernsthaften Untersuchung würdig befunden wurde und somit vieles nicht dauerhaft archiviert wurde. Viele Angaben in der vorhandenen Literatur zur Technikgeschichte des Amateurfilms widersprechen sich, so dass eine genaue Datierung mancher Geräte und Entwicklungen kaum möglich ist. Das definitiv erste auf dem Markt erhältliche Filmgerät für den privaten Gebrauch lässt sich also nur schwer ermitteln. Vielmehr versuchten Hersteller in mehreren Ländern ungefähr zeitgleich, kaum mehr als ein Jahr nach den ersten öffentlichen Filmvorführungen, auf verschiedene Art das neue Spektakel der lebenden Bilder auch für den Heimgebrauch nutzbar zu machen.


In Amerika brachte beispielsweise schon 1897 die American Parlor Kinetoscope Co. eine Heimversion von Edisons Guckkasten-Kino Kinetoscope auf den Markt. Um dieses Gerät für Privatleute erschwinglich zu machen, waren gegenüber seinem teuren professionellen Vorbild, das seit 1894 als Münzautomat in vielen amerikanischen Läden stand, einige technische Veränderungen vorgenommen worden: Anstelle des 35mm-Zelluloid-Films, der in Edisons Apparat von elektrischem Licht durchleuchtet betrachtet werden konnte, benutzte der Parlor Kinetoscope breitere Streifen aus simplem Papier, auf das die einzelnen Filmbilder aufgedruckt waren. Als Lichtquelle diente das Tageslicht, das durch eine seitliche Öffnung auf das Papier fiel. Durch diese drastische Minimierung von teurer Technik war es möglich, das Gerät dem privaten Käufer für nur 6 Dollar anzubieten, anstatt der 250 Dollar, die die professionelle Hightech-Ausführung kostete.


Die dazugehörigen Papier-Filme lieferte der Hersteller in Paketen zu je zwölf Stück zu Preisen zwischen 3 und 6 Dollar, je nach Filmlänge. Angeboten wurden die damals üblichen kurzen bewegten Szenen, die auch in den öffentlichen Guckkästen und Filmvorführungen zu sehen waren: Tanzdarbietungen, Boxen, Hürdenlaufen, Lachnummern und Landschaftsaufnahmen von meist deutlich weniger als einer Minute Länge. Zwölf Papier-Filme, die immerhin beinahe ebensoviel kosteten wie der Apparat selbst, boten also im Höchstfall weniger als eine Viertelstunde abwechslungsreicher Unterhaltung. Selbst wenn man voraussetzt, dass der pure Schaueffekt der neuartigen Erfahrung lebender Photographien in den ersten Jahren der Filmtechnik noch so ausreichend unterhaltsam war, dass man eine ständige Wiederholung derselben Szene nicht als störend empfand, war das Betrachten von Filmen mit dem Parlor Kinetoscope ein relativ teures Vergnügen, konnte man doch für nur einen Nickel, also fünf Cent, die gleiche Unterhaltung auf höherem technischen Niveau in den öffentlichen Kinetoscope-Läden haben. Bedenkt man zusätzlich, dass sechs Dollar um die Jahrhundertwende mehr als das Zehnfache ihrer heutigen Kaufkraft besaßen, so wird ersichtlich, wie kostspielig die Anschaffung eines solchen einfachen Apparates nebst Filmen tatsächlich war.


Der Parlor Kinetoscope muss eindeutig als einer der ersten Versuche gewertet werden, das bewegte Bild in die Wohnzimmer zu bringen; großer Erfolg war ihm jedoch nicht beschieden. In der Entwicklung der Amateurkinematographie bleibt er eine frühe Sackgasse, da ihm einige wichtige Elemente fehlten, die spätere, erfolgreichere Apparate aufweisen. Er konnte, wie das professionelle Kinetoscope, nicht zur Projektion vor mehreren Zuschauern benutzt werden, sondern immer nur eine Person unterhalten. Außerdem beschränkte sich die Funktion des Gerätes ausschließlich auf das Abspielen fertiger Kauffilme. Dem privaten Liebhaber wurde keine Möglichkeit gegeben, eigene Filme aufzunehmen. Und schließlich, als augenfälligster Unterschied zu späteren Geräten, benutzte es noch nicht einmal Filmmaterial.


Ebenfalls bereits 1897 versuchten in England einige Hersteller, das neue Medium Film in jener Form in die Eigenheime zu bringen, in der es auch in den öffentlichen Filmvorführungen der Lumières und ihrer Nachfolger auftrat: als Projektionskunst. Gleich mehrere Firmen brachten einfache, relativ günstige Apparate auf den Markt, die vor das Lampenhaus einer der damals weit verbreiteten Laterna Magicas montiert werden konnten und dann als Projektoren für kurze Filme im 35mm-Format dienten. Der Motorgraph der Firma W. Watson & Sons, Wrench & Son´s Cheap Form of Cinematograph, der No.1 Model Projector von Prestwich, der Home Student´s Cinematograph von Haydn and Urry und das Kineoptoscope der Riley Brothers funktionierten alle nach diesem Prinzip. Sie nutzten ein Gerät als Lichtquelle, das, zumindest in vielen wohlhabenden Haushalten, bereits vorhanden war, was nicht nur die Anschaffungskosten für diese neue Form der Heimunterhaltung reduzierte, sondern gleichzeitig das neue Medium Film mit bereits Bekanntem in Verbindung brachte und so mögliche Berührungsängste der privaten Käufer abschwächte.

Eine Anzeige für den Motorgraph warb mit dem Slogan „Animated Photographs at Home" für die Vorteile einer solchen Medienkombination: „The Motorgraph can be affixed to the front of any ordinary Optical Lantern, [...] is simple to use, and can be quickly removed, so that the Lantern can be used for Slides in the usual manner". Die Möglichkeit des schnellen Wechsels zwischen Film- und Standbildprojektion erlaubte dem Privatmann, seine Heimvorführung ähnlich zu gestalten wie die öffentlichen Filmvorführungen der Varietés und Wander-Kinematographen: als multimediales Nummernprogramm, das sowohl kurze Filme als auch herkömmliche Dia-Vorträge enthielt. Die entsprechenden Filme konnten direkt vom Hersteller bezogen werden; die Werbung versprach eine riesige Auswahl von mehr als 1000 unterschiedlichen Filmen aus den Bereichen „Jubilee Films, Comic Films, Sporting Films, Theatrical Films, War Films". Das entsprach thematisch dem, was auch in den öffentlichen Vorführungen zu sehen war, und mit einer Länge von maximal 75 Fuß. (ca. 23 Meter) lag bei einer Vorführgeschwindigkeit von ungefähr 15 Bildern pro Sekunde auch die Dauer der Filme auf dem damals üblichen Niveau von weniger als einer Minute.


Dass die Motorgraph-Filme speziell für den Heimmarkt produziert wurden, ist unwahrscheinlich. In Anbetracht des Repertoires von mehr als 1000 Titeln ist vielmehr anzunehmen, dass der Hersteller diese Filme auch professionellen Kinematographen-Besitzern zum Kauf anbot und das Heimgerät darüber hinaus einen zusätzlichen Absatzmarkt schaffen sollte. Obwohl der Motorgraph auch als Kamera zur Aufnahme eigener Filme verwendet werden konnte, ist in der Werbung kein Hinweis darauf zu finden: Der Schwerpunkt wird eindeutig auf das Abspielen der vorgefertigten Kauffilme gelegt.


Mit dem Motorgraph und den ähnlichen Gerätschaften einiger anderer Hersteller hatte der private Filmliebhaber in England also schon 1897 die Möglichkeit, sich das gerade erst populär werdende Spektakel der lebenden Bilder ins eigene Heim zu holen und bedingt sogar auch schon eigene Filme aufzunehmen. Inwieweit diese Möglichkeiten tatsächlich genutzt wurden, ist heute allerdings leider nicht mehr nachvollziehbar.



2.2. Messters Amateur-Kinetograph


Auch in Deutschland erkannten nach den ersten erfolgreichen Filmvorführungen findige Geschäftsleute und Fabrikanten das große kommerzielle Potential, das das neue Medium Film in sich barg. In Berlin begann bereits 1896 ein Hersteller mit der Produktion und dem Verkauf eines selbst entwickelten Projektors: Oskar Messter, der seitdem als Begründer der deutschen Filmindustrie gilt. Messter hatte 1892 den Betrieb seines Vaters übernommen, der ursprünglich auf die Herstellung von optisch-mechanischen Trick-Vorrichtungen und Standbildprojektoren für Schausteller spezialisiert war. Ab 1896 belieferte er diese Klientel dann auch mit Filmprojektoren und den dazugehörigen Filmen. Da andere Firmen wie Lumière oder Edison ihre Filme entweder gar nicht oder nur an Lizenznehmer verkauften, musste Messter eigene Filme produzieren, um seine Projektoren überhaupt verkaufen zu können. Aus ein paar anfänglich noch eigenhändig gedrehten kurzen Filmen mit Berliner Stadtansichten und Straßenszenen entstand bald Deutschlands erste Filmproduktionsgesellschaft, die in eigenen Ateliers zuerst kleine Spielszenen abfilmte, später dann immer längere und aufwändigere Spielfilme herstellte, bis sie schließlich 1917 in der UFA aufging.


1898 gab Messter einen Katalog „;ber Projections- [sic] und Aufnahme-Apparate für lebende Photographie, Films [sic], Graphophons, Nebelbilder-Apparate, Scheinwerfer etc." heraus, in dem er neben einem großen Sortiment an unterschiedlichen Unterhaltungs- und Vortragsapparaturen wie Grammophonen und Glasbildprojektoren auch schon mehrere verschiedene Modelle von Filmprojektoren und -kameras sowie eine umfangreiche Liste von Kauffilmen anbot.


Schon im Vorwort, das die vielfältigen neuartigen Möglichkeiten der Kinematograhie preist, wird deutlich, dass die Bestimmung des neuen Mediums Film so kurz nach seiner Einführung keinesfalls ausschließlich in der kommerziellen Unterhaltung gesehen wurde und dass auch Messter das Einsatzfeld seiner Geräte durchaus nicht nur in der Belustigung eines zahlenden Publikums auf Jahrmärkten oder in Varietés sah. Betont wird vielmehr die faszinierende neue Möglichkeit, die Wirklichkeit im bewegten Bild festzuhalten, zu konservieren und jederzeit wiederzugeben, die Fähigkeit des Films zur „Sichtbarmachung von wirklichen Geschehnissen und Vorgängen [...] mit den minutiösesten Einzelheiten, so oft wir wollen, genau nach dem Leben".


Eine Nutzung dieser dokumentarischen Eigenschaften der neuen Technik konnte sich Messter in den unterschiedlichsten Bereichen vorstellen:


Durch den Kinetographen lassen sich künftighin historische Begebenheiten festhalten und in der Natürlichkeit nicht nur jetzt, sondern auch in den künftigen Geschlechtern wieder zur Anschauung bringen; Künstler und Künstlerinnen können als Tänzer, Fechter, Akrobaten, Jongleure, Turner überall in ihren Leistungen in Natürlichkeit dadurch vorgeführt werden. Elementare Ereignisse und Naturwunder [...] werden uns naturgetreu veranschaulicht und ebenso das Leben und Treiben der entferntesten Kulturvölker und der wilden Völkerstämme [...]. Das Wachsen, blühen und auch wieder Verwelken von Blumen, der Fortgang in der Entwicklung von Infusorien, Insekten, Fischen oder dergl.[,] die Vermehrung der Bakterien, die Bildung der Krystalle [sic], die Protuberanzen der Sonne u.s.f. lassen sich durch den Kinetographen ganz nach Wunsch in langsamen oder raschem Tempo vor den Augen des Beschauers mit wahrer Lebendigkeit projizieren.



Um diesem breiten Feld von unterschiedlichen Einsatzgebieten zu begegnen stellte, Messter seine Film-Apparaturen in verschiedenen, nach den jeweiligen Anforderungen konstruierten Ausführungen her. Der Katalog unterscheidet Modelle „1. für wissenschaftliche Zwecke [,] 2. für Vorführungen auf Bühnen im grossen Stile [,] 3. für Amateure [und] 4. für kleine Schaustellungen und Privat-Vorführungen". Dass diese Auflistung die öffentlichen Vorführungen erst an zweiter Stelle nach der wissenschaftlichen Verwendung nennt, macht noch einmal deutlich, dass der hauptsächliche Nutzen der Filmtechnik zu dieser Zeit noch nicht zwangsläufig in der Massenunterhaltung gesehen wurde. Bedeutsamer für die Entwicklung der Amateur-Kinematographie sind jedoch die Punkte 3. und 4., werden hier doch erstmalig in Deutschland ausdrücklich für den Amateur- und Privatgebrauch bestimmte Filmgeräte erwähnt.


Vorgestellt werden in diesem Katalog zwei solcher Apparate: der „Kinetograph Mod. 97 für Familien" und „Messter's Amateur-Kinetograph für Aufnahme und Projection [sic] lebender Photographien". Beide benutzten, wie sämtliche Geräte aus Messters Produktion, den 35mm-Film mit Edison-Perforation und unterschieden sich von den professionellen Modellen im Wesentlichen nur durch ihre etwas einfachere Bauweise, eine reduzierte Ausstattung und den daraus resultierenden niedrigeren Preis. Der Kinetograph Mod. 97 besaß als Filmprojektor „für Privat-Zwecke" beispielsweise einen weniger massiv konstruierten Transportmechanismus als die auf Dauerbelastung ausgelegten Berufs-Geräte, und auch Lampenkasten und Projektionsobjektiv waren kleiner. Seinem Anwendungsgebiet gemäß war er dadurch lediglich für die „Vorführung mässig grosser [sic] Bilder (unter 1 Quadratmeter)" geeignet, was immer noch größer ist als die Mattscheibe der meisten heutigen Fernseher. Der geringere technische Aufwand schlug sich auch im Preis nieder: Während Messters große Projektoren-Modelle, der Thaumatograph und der Kinetograph System ‚Appolo’, komplett mit Zubehör 686 Mark beziehungsweise 670 Mark kosteten, war der Kinetograph Mod. 97 schon für 150 Mark zu haben.


Diente dieser frühe Heimprojektor ausschließlich zum Abspielen fertiger Filme, so bot der Amateur-Kinetograph dem Privatmann zusätzlich auch die Möglichkeit, eigene Filme aufzunehmen. Es handelte sich in erster Linie um eine Filmkamera, die jedoch, wie schon der Cinématographe der Lumières und viele andere frühe Konstruktionen, auch als Projektor benutzt werden konnte. Dafür wurde der hintere Teil des lichtdichten Holzgehäuses, der während der Aufnahme das lichtempfindliche Filmmaterial beinhaltete und schützte, abgenommen und das Vorderteil mit dem Bewegungs-Mechanismus und Objektiv „zur Projection [sic] vor die Laterne eines gewöhnlichen Projections-Apparates [sic] (Nebelbilder-Apparat, Sciopticon) gesetzt". Solche Laternen waren, wie bereits erwähnt, in vielen Haushalten des gehobenen Bürgertums anzutreffen, andernfalls lieferte Messter aber auch gerne zusätzlich einen entsprechenden Apparat, „zur Projection [sic] von Lichtbildern eingerichtet und als Lichtquelle für Messters Amateur-Kinetograph geeignet", wahlweise mit Petroleum-Lampe oder Gas-Kalklichtbrenner.


Das Filmen mit dem Amateur-Kinetographen wurde dem potentiellen Kunden als kinderleichte Angelegenheit verkauft: „Die Construction [sic] entspricht den Ansprüchen der Herren Amateure vollkommen, da Jedermann [sic], der Elementar-Kenntisse in der Photographie besitzt, mit diesem Apparat kinetographische Aufnahmen machen kann". Tatsächlich war für die erfolgreiche Herstellung eigener Filme jedoch ein umfangreiches und fundiertes photographisches Wissen und Können vonnöten, da diese erste Amateurfilmkamera noch meilenweit entfernt war vom Bedienungskomfort der heutigen vollautomatischen Videokameras. Vom Einlegen des Filmmaterials in der stockfinsteren Dunkelkammer über das Montieren der Kamera auf einem feststehenden Stativ, das Ausmessen der Entfernung zum Objekt zwecks Scharfstellens und das Bestimmen der Lichtverhältnisse zur richtigen Belichtung bis hin zur gleichmäßigen Bedienung der Handkurbel war die Aufnahme von lebenden Photographien ein durchweg anspruchsvoller Vorgang, der dem unerfahrenen Laien eine ganze Menge technisches Verständnis und Geschick abverlangte. Das komplizierte Entwickeln der belichteten Filme und das Umkopieren der Negative zum projektionsbereiten Positiv übernahm dann glücklicherweise Messter „gegen geringe Vergütigung" in seinem Laboratorium, „da das Hervorrufen der Bänder dem Ungeübten anfänglich vielfach Schwierigkeiten verursacht".


Einfacher als eigene Filme zu drehen war es, das breite Angebot an fertigen Filmen aus Messters kommerzieller Produktion zu nutzen. Die gleichen Streifen, die er professionellen Filmvorführern für öffentliche Vorstellungen vor zahlendem Publikum verkaufte, bot er auch dem privaten Filmfreund zum Kauf an. Die Film-Liste des Katalogs zählt 84 verschiedene Sujets zwischen 18 und 24 Meter Länge und damit weniger als einer Minute Dauer. Die inhaltliche Bandbreite reicht vom abgefilmten Straßengeschehen in Berlin, Dresden, Hamburg und Wien über Aufnahmen von Stapelläufen deutscher Kreuzer, Denkmalsenthüllungen und militärischen Paraden und Manövern, vorzugsweise „unter Beisein Se. Maj. Kaiser Willhelm II.", über Bilder von touristischen Sehenswürdigkeiten und Tieren im Zoo bis hin zu kurzen, 'humoristischen' oder gar ,pikanten' Spielszenen.


Abgesehen von diesen im Atelier mit Darstellern produzierten slapstickartigen Sketchen, deren 'effektvolle' Pointe meist aus dem Umfallen von Personen oder Einrichtungsgegenständen bestand, hatte der Großteil der angebotenen Filme eher dokumentarischen Charakter. Die schon im Vorwort des Katalogs propagierte naturgetreue Wiedergabe wirklicher Geschehnisse war in den frühen Jahren des Films offensichtlich noch von ausreichender Faszination, um damit ein großes Publikum zu unterhalten. Viele dieser frühen professionellen Filmaufnahmen ähnelten dabei inhaltlich und ästhetisch dem, was man später und bis heute in Amateurfilmen finden kann. Bilder, wie sie Messters Katalog anbietet, von touristischen Sehenswürdigkeiten wie dem Kochelfall im Riesengebirge oder dem Wiener Prater, von städtischen Wahrzeichen wie dem Brandenburger Tor oder dem Hamburger Hafen, von der Fütterung von Tieren im Zoo oder auf dem Hühnerhof könnten ebenso gut heutigen privaten Urlaubs- oder Ausflugsfilmen entstammen. Die inszenatorischen Mittel des professionellen Films, seine gestalterischen Möglichkeiten wie Beleuchtung, Kadrierung und Montage, deren gekonnter Einsatz später kommerzielle Filmproduktionen sehr deutlich von den Werken privater Filmschaffender unterscheiden sollte, waren zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht entwickelt. Vielmehr beschränkte man sich, auch bei gespielten Handlungen, auf das reine Abfilmen aus einer einzigen Kameraperspektive. Auch wenn aus dieser frühesten Phase der Amateurfilmgeschichte keine privaten Filmaufnahmen erhalten sind, so kann zumindest vermutet werden, dass sich Aufnahmen, wie sie mit Messters Amateur-Kinetograph hergestellt werden konnten, ästhetisch nicht besonders von den kommerziell ausgewerteten Filmen dieser Zeit unterschieden haben.


Der Kauf von 'lebenden Photographien' aus Messters Produktion war für den Privatmann nicht ganz billig. Ein Filmstreifen von etwa einer Minute Dauer kostete stolze 75 Mark, Filme halber Länge immerhin noch 37,50 Mark. Für den beruflichen Kinematographen-Besitzer amortisierte sich dieser hohe Anschaffungspreis nach einigen gut besuchten Vorstellungen vor zahlenden Gästen; der private Käufer blieb jedoch auf den unverhältnismäßig hohen Kosten sitzen. Messters Absatz von Kauffilmen für den häuslichen Gebrauch dürfte sich daher in Grenzen gehalten haben. Generell wird die Abnehmerzahl seiner Heim- und Amateurgeräte eher gering geblieben sein; bei Preisen von 150 Mark für den Kinetograph Mod.97 für Familien und 200 Mark für den Amateur-Kinetograph konnten sich nur einige wenige Gutbetuchte das neue Hobby Heim-Kinematographie leisten. Für den gewöhnlichen Arbeiter, dessen Tageslohn 1898 bei etwa zwei Mark lag, blieb dieses Vergnügen unerreichbar.


Völlig unergiebig kann der private Absatzmarkt andererseits jedoch nicht gewesen sein, denn sowohl Messter als auch andere Hersteller versuchten auch in den kommenden Jahren, die Filmtechnik für den häuslichen Gebrauch nutzbar zu machen und brachten weiterhin entsprechende Geräte auf den Markt. Ab 1900 bot Oskar Messter den weiterentwickelten Kinetograph Mod. 97 als Messters Familien-Kinematograph an. Anders als der Name vermuten lassen würde, wurde dieses Gerät nicht nur als Heimprojektor vermarktet, sondern als „Ideal-Apparat für Vereine, Schule und Haus". Daran lässt sich Messters Verkaufs-Strategie erkennen, die Zielgruppe seiner kleineren und verhältnismäßig günstigen Modelle so groß wie möglich zu halten, und neben wohlhabenden Familien auch Institutionen wie Lehranstalten und Vereine als Abnehmer für seine kinematographischen Produkte zu gewinnen. Bezeichnenderweise wurde derselbe Projektor ab 1908 nur noch unter dem Namen Messters Schul-Kinematograph vertrieben, da sich wohl herausgestellt hatte, dass sich die Anschaffung und der längerfristige Betrieb solcher Apparaturen für staatlich finanzierte Einrichtungen eher lohnte als für den einzelnen Privatmann. Zusätzlich zum einmaligen Kaufpreis, der für den Familien-Kinematographen ohne Lichtquelle bei immerhin 160 Mark lag, fielen schließlich auch noch erhebliche laufende Kosten für den Kauf von neuen Filmen an, ohne die das Gerät schnell an Unterhaltungswert verlor.


Auch auf dem Kamera-Sektor bot Messter Universalgeräte für eine möglichst breite Abnehmerschaft an. So war beispielsweise die Kine-Messter, eine besonders kompakte Kamera mit nebeneinander liegenden Film-Kassetten, die ebenfalls 1900 auf den Markt kam und noch bis mindestens 1914 gebaut wurde, weder ein reines Profigerät noch eine pure Amateurkamera. Vielmehr war sie wegen ihrer handlichen und stabilen Bauweise sowohl bei Amateuren als auch bei Berufs-Filmern als Reisekamera beliebt. Messter betonte in einem seiner Kataloge einerseits ausdrücklich den besonderen Wert des Apparates für Amateure, verwies aber andererseits auch stolz auf den erfolgreichen Einsatz im semi-professionellen Bereich, für wissenschaftliche Aufnahmen bei Expeditionen und Forschungsreisen. Auch preislich lag die Kine-Messter mit 375 bis 550 Mark, je nach Ausstattung, deutlich näher an den professionellen Modellen als zuvor der Amateur-Kinetograph. Entsprechend liest sich auch die Liste zufriedener Besitzer, die im selben Katalog abgedruckt ist: Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg, Baron von Oppenheimer, Oberleutnant Schröder-Stranz und weitere Mitglieder der obersten Gesellschaftsschichten. Das private Filmen war in den frühen Jahren der Filmtechnik eine äußerst exklusive Beschäftigung.


All diesen Filmgeräten, die Messter von 1898 bis in die 10er Jahre mehr oder weniger ausdrücklich für den privaten Gebrauch anbot, war eins gemein: Sie nutzten alle, wenn auch in vereinfachter Form, die gleiche Technik wie die professionellen Modelle. Es waren durchweg präzise verarbeitete, stabile Konstruktionen auf relativ hohem technischem Niveau, und besonders bei den Kameras war der Übergang zum Profibereich fließend. Allesamt waren sie für den Gebrauch des 35mm-Films mit Edisons Vierloch-Perforation ausgelegt, der sich schon in den frühen Jahren des Films auf dem professionellen Sektor als 'Standardfilm' etablierte. Offensichtlich war Messter bemüht, auch dem Amateur qualitativ hochwertige Gerätschaften zu bieten, und darüber hinaus das mögliche Einsatzgebiet der einfacheren Modelle doch nicht ausschließlich auf den privaten Bereich zu beschränken. Durch die verhältnismäßig aufwendige Bauweise hatten die Geräte allerdings auch ihren Preis: Selbst wenn sie deutlich billiger waren als die Berufs-Apparaturen waren sie dennoch teuer genug, um damit nur einen recht kleinen, ausgewählten Kundenkreis anzusprechen.


Messters Versuch, das neue Medium Film in die Eigenheime zu bringen, bestand also grundsätzlich darin, die professionelle Kinotechnik, die er hauptsächlich herstellte, auch dem Privatmann anzubieten. Auf diesem Weg folgten ihm in den kommenden Jahren andere Hersteller wie Pathé und Ernemann, die um 1910 ähnliche halbprofessionelle Normalfilm-Geräte auf den deutschen Markt brachten: Projektoren für Schulen, Vereine und Familien, und Kameras, die sowohl Amateure als auch „Professioneure" nutzen konnten. Die Zielgruppe solch aufwendiger Apparate musste sowohl die nötigen Finanzen als auch ein gehöriges Maß an technischem Geschick und photographischen Kenntnissen vorweisen, und war daher wahrscheinlich verhältnismäßig klein.


Daneben gab es allerdings schon sehr früh auch andere Ansätze, das bewegte Bild einer möglichst breiten Masse als Heimunterhaltung zugänglich zu machen und die entsprechenden Gerätschaften dabei so günstig und einfach wie möglich zu halten.



2.3. Spielzeug-Kinematographen



Einen anderen privaten Absatzmarkt für kinematographische Geräte entdeckte, ebenfalls noch vor der Jahrhundertwende, die deutsche Spielzeugindustrie: das Kinderzimmer. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten einige Spielzeugfabrikanten damit begonnen, die technischen Errungenschaften des Industriezeitalters im Miniaturformat nachzubauen. Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Ozeandampfer und ähnliche Symbole des technischen Fortschritts wurden als funktionstüchtige Modelle aus Blech und Zinn dem bürgerlichen Nachwuchs als lehrreicher Zeitvertreib angeboten. Eine wahre Hochburg der Fabrikation solcher mechanischer Spielwaren war die Stadt Nürnberg. Hier hatten Firmen wie Ernst Plank, Georges Carette oder die Gebrüder Bing ihren Sitz, die ihre Produkte auch erfolgreich nach Frankreich, England und Amerika exportierten.


Im Angebot dieser Spielzeugfabrikanten befanden sich neben den mechanischen Miniaturnachbauten auch eine ganze Reihe optischer Vorrichtungen zur Bild-Betrachtung: Stereoskope, die Photographien dreidimensional erscheinen ließen, Zoetrope oder Wundertrommeln, die bereits den Eindruck von Bewegung erzeugten, und die verschiedensten Projektions-Laternen für handgemalte Glasbilder oder photographische Dias. Insbesondere Laterna Magicas wurden in den unterschiedlichsten Ausführungen, Größen und Preisklassen hergestellt, von winzigen, schmucklosen Blechkisten bis hin zu großen, schnörkelverzierten Luxus-Modellen. Diese Standbildprojektoren fanden offensichtlich so guten Absatz, dass sowohl Plank als auch Bing, die beide mit deren Produktion um 1865 herum begonnen hatten, sie noch bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein im Sortiment führten.


Die Laterna Magica, ursprünglich hauptsächlich bei wissenschaftlichen Vorträgen und Jahrmarktsvorführungen eingesetzt, war also schon vor 1895 als Bild-Projektions-Medium für den Gebrauch in Wohn- und Kinderzimmern etabliert, und auch das bewegte Bild hatte in Form unterschiedlicher optischer Trickvorrichtungen bereits eine längere Tradition als Kinderspielzeug. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die Filmtechnik schon bald nach ihrer Einführung Verwendung auf diesem Gebiet fand. Bereits 1898 statteten die Gebrüder Bing eine ihrer einfachen Projektions-Laternen zusätzlich mit einem simplen Transportmechanismus aus, so dass mit dem Gerät nicht nur die üblichen Glasbilder, sondern auch kurze Filmstreifen vorgeführt werden konnten. Andere Spielzeughersteller taten es ihnen nach, und so war kurz nach der Jahrhundertwende eine Vielzahl solcher Spielzeug-Kinematographen auf dem Markt.


Der Großteil dieser Apparate war in seiner Konstruktion auf das Notwendigste reduziert und die mit ihnen erzielten Ergebnisse dürften wohl mit dem Erlebnis einer professionellen Kinematographen-Vorstellung kaum vergleichbar gewesen sein. In einem schlichten Blech-Kasten mit angesetztem Schornstein saß als Lichtquelle meist eine kleine Öllampe; nur teurere Modelle mit größerem Lampenhaus wurden teilweise auch mit einem Gas-Brenner oder gar einer elektrischen Glühbirne bestückt geliefert. Vor das Bildfenster, in das auch weiterhin herkömmliche Glasdias eingesetzt werden konnten, war ein einfaches mechanisches Werk mit Handkurbel montiert, das den Film ruckweise weitertransportierte. Das geschah teilweise mit Hilfe eines Malterserkreuzes, oft aber auch nur durch einen einfacheren Schlägermechanismus, der jedoch keinen ruhigen Bildstand gewährleistete. Darüber hinaus besaßen viele dieser Geräte keine Flügelblende, um die Transportphase des Films zu verdecken, und auch die Objektive waren meist von minderer Qualität. Diese bescheidene technische Ausstattung führte dazu, dass zumindest bei den billigeren Modellen das projizierte Bild sehr dunkel, verwackelt und unscharf war.


In einem Katalog der Gebrüder Bing aus dem Jahre 1906, der für den britischen Exportmarkt bestimmt und daher in englischer Sprache verfasst war, fanden sich neben einer großen Auswahl an Modell-Eisenbahnen, Dampfmaschinen und Laterna Magicas auch einige Spielzeug-Kinematographen und entsprechende Filme. Angeboten wurden sieben verschieden Modelle, die sich hauptsächlich in der Größe der Lampenhäuser und der Verarbeitungsqualität von Mechanik und Optik unterschieden. Die Preise reichten von 9 Schilling für die einfachste Ausführung bis 85 Schilling für das Modell Excelsior mit elektrischer Beleuchtung. Die Geräte besaßen allesamt, wie die ersten professionellen Filmprojektoren im Übrigen auch, keine Aufwickelvorrichtung; der Film fiel nach der Projektion einfach auf den Boden. Damit kamen selbst die aufwändigeren Modelle nur für die Vorführung sehr kurzer Filmstreifen in Frage.


Bings Filmangebot bestand tatsächlich größtenteils aus Filmbändern von nur einem halben bis einem Meter Länge, die allerdings zu endlosen Schleifen zusammengeklebt waren. Nur einige wenige erreichten immerhin eine Länge von fünf bis zehn Metern. Bei diesen längeren Filmen, die mit einer Dauer von maximal 30 Sekunden zumindest kurze Handlungen zuließen, handelte es sich um die üblichen dokumentarischen und komischen Aufnahmen, zum Beispiel von der Ankunft eines Zuges, marokkanischen Tänzen oder einer Kissenschlacht. Die kurzen Filmschleifen bestanden dagegen nicht aus Filmaufnahmen im herkömmlichen Sinn, sondern stellten vielmehr eine frühe Form des Zeichentrickfilms dar: Mit Hilfe eines speziellen lithographischen Verfahrens wurden aus wirklichen, photographischen Filmaufnahmen nur die Konturen von Personen und Gegenständen übernommen und als schwarze Umrisse auf den blanken Film gedruckt. So entstanden besonders kontrastreiche Bilder, die auch bei der Projektion mit einer dunklen Öllampe noch hell und deutlich erkennbar blieben. Diese Endlosbänder lieferte Bing sowohl schwarz-weiß als auch koloriert, im Dutzend zu 7 bis 10 Schilling. Viel mehr als den simplen Eindruck von Bewegung können diese Spielzeugfilme allerdings kaum vermittelt haben; bereits nach zwei bis drei Sekunden wiederholten sich die Bilder und damit die Bewegungen der abgebildeten Turner, Tänzer, Fahrradfahrer, Boxer oder Tiere.


Neben Bing produzierten auch Carette und Plank im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl solcher billigen Spielzeug-Kinematographen, sowohl für den deutschen Markt als auch für den Export ins europäische Ausland und nach Amerika. Die bewegten Bilder hielten in Form eines Kinderspielzeugs also schon sehr früh Einzug in viele Eigenheime. Mehr als Spielzeuge waren diese Geräte aber tatsächlich nicht, denn auch wenn vereinzelte teurere Modelle längere Filme in brauchbarer Qualität abspielen konnten, war doch der weitaus größte Teil nur für die Verwendung der kurzen Endlosschleifen ausgelegt. Sie setzten damit, wie schon frühere optische Spielzeuge wie Lebensräder und Wundertrommeln, ganz auf den Effekt der Bewegungs-Illusion, was auf Kinder wohl eine ausreichende Faszination ausübte, für Erwachsene jedoch schnell an Interesse verloren haben dürfte.


Ganz ungefährlich war der Einsatz solcher Filmprojektoren im Kinderzimmer nicht. Sie benutzten denselben leichtentzündlichen 35mm-Film aus Nitro-Zellulose, der bei einigen öffentlichen Filmvorführungen schon zu verheerenden Bränden geführt hatte. Dieses Material in Kombination mit einer offenen Öl- oder Gasflamme in Kinderhand zu geben verlangte von den Eltern schon ein gewisses Maß an Vertrauen in ihren Nachwuchs. Ungeachtet der Sicherheitsrisiken und der starken technischen Einschränkungen schienen solche Spielzeug-Kinematographen aber eine ausreichend große Abnehmerschaft zu finden, um sich noch jahrzehntelang auf dem Markt zu halten. So wurden noch 1930 in einem Katalog der Firma Bing eine Reihe solcher Blech-Projektoren in nahezu unveränderter Bauweise angeboten.


Der interessierte Privatmann konnte sich mit solchen relativ billigen Spielzeugen also bereits kurz nach der Jahrhundertwende das neue Medium Film in einer sehr einfachen Form nach Hause holen. Wollte er allerdings in seinem Heimkino ein annähernd mit den professionellen Filmvorstellungen vergleichbares Erlebnis haben oder gar eigene Filmaufnahmen machen, so war er vorerst auf die teuren, technisch anspruchsvollen Geräte angewiesen, wie sie Messter herstellte. Da sich das aber nur eine auserwählte Schar äußerst Wohlhabender leisten konnte, gab es schon bald Bemühungen, auch aufwendiger konstruierte Filmgeräte zu halbwegs erschwinglichen Preisen anzubieten und sie damit einer größeren Kundschaft zugänglich zu machen.



2.4. Der erste Schmalfilm: 17,5mm


Zu den wesentlichen Faktoren, die das Filmen so teuer und damit für die meisten Privatleute als Hobby zu kostspielig machten, gehörten schon immer die hohen Kosten für das Filmmaterial. Die Geräte, die Messter und später auch einige andere Hersteller dem Amateur anboten, benutzten mit dem 35mm-Film das gleiche Filmformat, das sich auch im professionellen Bereich früh als Standard durchgesetzt hatte. Damit hatte der private Filmliebhaber zwar einerseits die Möglichkeit, Filme in annähernd der gleichen Qualität aufzunehmen und wiederzugeben wie der Profi, andererseits musste er dafür aber eben auch die gleichen hohen Materialpreise in Kauf nehmen. Da er aber nicht wie der Berufsfilmer seine Ausgaben durch die kommerzielle Auswertung seiner Aufnahmen ausgleichen konnte, stellten diese hohen Materialkosten ein ernstzunehmendes Hindernis dar, das die Verbreitung des Amateurfilms stark hemmte. Schon sehr früh bemühten sich daher einige Hersteller, dem Amateur neben speziellen, auf seine besonderen Bedürfnisse ausgerichteten Gerätschaften auch ein eigenes, günstigeres Filmmaterial zur Verfügung zu stellen.



2.4.1. Frühe Ansätze zur Kostensenkung



Der simpelste Weg, die Kosten für den Rohfilm zu reduzieren bestand darin, Material zu sparen, indem man die Filmstreifen schmaler machte. Das hatte bereits 1898 der englische Filmpionier Birt Acres erkannt. Ähnlich wie Edison durch die Halbierung des 70 Millimeter breiten Eastman-Rollfilms den 35mm-Film gewonnen hatte, halbierte Acres seinerseits nun diesen wiederum und erhielt so einen 17,5 Millimeter breiten Filmstreifen mit einseitiger Perforation. Bei Beibehaltung der Seitenverhältnisse passte darauf nun die doppelte Anzahl von Einzelbildern, so dass für eine Aufnahme von gleicher Dauer nur noch die halbe Länge Film benötigt wurde. Insgesamt ergab sich so gegenüber dem Normalfilm eine Material- und damit Kostenersparnis von 75 Prozent. Für dieses frühe Schmalfilmformat konstruierte Acres einen kombinierten Aufnahme- und Projektionsapparat, der am 9. Juni 1898 unter dem Namen Birtac patentiert wurde. Von dieser ersten Schmalfilmkamera wurden jedoch nie mehr als eine Hand voll hergestellt.


Nur ein Jahr später griff ein anderer britischer Hersteller, Wrench & Son, die Idee des halbierten Normalfilms auf und brachte mit der Biokam ebenfalls eine Kamera für 17,5mm-Film auf den Markt. Anstelle der seitlichen Perforation versah Wrench seinen Film in der Mitte mit je einem Perforationsloch zwischen den Bildern und konnte so die Materialausnutzung optimieren, da ihm nun die volle Breite des Filmbandes als Bildfläche zur Verfügung stand. Beworben wurde die Biokam unter dem Slogan „Animated Photography for Amateurs" als „Combined Cinematograph and Snap-shot Camera, Printer, Projector, Reverser, and Enlarger", also als Multifunktions-Gerät, das nicht nur als Filmkamera und -projektor benutzt werden konnte, sondern auch als Photoapparat und zum Umkopieren von Negativen zum vorführbereiten Positiv. Neben unbelichtetem Filmmaterial für eigene Aufnahmen bot Wrench auch fertige Kauffilme an und wies ausdrücklich darauf hin, dass diese trotz ihrer Länge von nur 25 Fuß (ca. 7,60 Meter) die gleiche Vorführdauer erreichten, wie die Filme in öffentlichen Kinematographen-Vorführungen. Mit 10 Schilling kosteten sie dabei nur ein Drittel dessen, was Watson für die 35-mm-Kauffilme verlangte, die er zu seinem Motorgraph lieferte. Auch der Apparat selbst war nicht nur wesentlich handlicher, sondern mit 6 Pfund und 6 Schilling auch nur halb so teuer wie der Motorgraph.


Auch in Frankreich wurde nach einem schmaleren, günstigeren Filmformat für den Amateur gesucht. Auf der Weltausstellung 1900 in Paris wurden gleich zwei unterschiedliche Schmalfilmsysteme französischer Hersteller vorgestellt. Die kompakte Taschenkamera Chrono de Poche von Gaumont benutzte einen 15 Millimeter breiten Film mit einer ähnlichen Mittelperforation wie der Biokam-Film und konnte erstmalig nicht nur durch eine Handkurbel, sondern auch von einem aufziehbaren Federwerk angetrieben werden. Der Mirographe der Firma Reulos & Goudeau arbeitete mit Filmstreifen von 20 Millimeter Breite, die statt Perforie- rung einseitig mit Kerben versehen waren. Diesen beiden Schmalfilmformaten war allerdings keine große Zukunft beschieden, möglicherweise unter anderem auch weil sie sich nicht ohne Verlust aus dem gängigen und weltweit erhältlichen 35mm-Rohfilm herausschneiden ließen.


Vielmehr konzentrierten sich die Bemühungen um ein eigenes Amateurfilmformat weiter auf den halbierten Normalfilm. Ebenfalls 1900 brachte die Londoner Firma Hughes unter dem Namen La Petite eine weitere Kamera für mittelperforierten 17,5mm-Film auf den Markt, und in Amerika konstruierte gegen 1902 E. J. Rector mit dem Ikonograph ebenfalls ein Gerät für dieses Format.



2.4.2. Ernemanns Kino


Ungefähr zu dieser Zeit begannen auch in Deutschland die ersten Versuche, die Kinematographie mit Hilfe eines günstigeren Schmalfilms und entsprechender Apparate einem größeren Kreis von Privatleuten zugänglich zu machen. Offensichtlich von Wrenchs Biokam inspiriert, bemühte sich der Dresdner Fabrikant Heinrich Ernemann um die Entwicklung einer eigenen Amateurfilmkamera für den Halbnormalfilm mit Mittelperforation. Ernemann hatte bereits 1889 mit dem Bau von Photokameras begonnen und war auf diesem Gebiet so erfolgreich gewesen, dass sein anfänglich kleiner Hinterhofbetrieb schon um die Jahrhundertwende zur Aktiengesellschaft herangewachsen war. Neben großen und schweren Geräten für professionelle Portraitphotographen hatte er auch einige kompaktere Photoapparate für den privaten Gebrauch konstruiert und sich so einen Namen in der damals bereits aufblühenden Amateurphotographie gemacht. Seine positiven Erfahrungen auf dem privaten Absatzmarkt nannte 1922 die Jubiläumsschrift zum 33-jährigen Bestehen des Betriebes als Auslöser für Ernemanns Bemühungen um die Amateurfilmtechnik:


Die Entwicklung der Amateur-Photographie ließ die Ansicht Ernemanns durchaus begründet erscheinen, die Kinematographie auch den zahllosen Anhängern der Amateur-Photographie in aller Welt zugänglich zu machen durch kinematographische Aufnahme- und Wiedergabeapparate, deren vereinfachte Konstruktion in allem der praktischen Handhabung der Liebhaber angepasst sein musste [sic]. Steht doch die Kinematographie in innigster Verbindung mit der Photographie, deren Betätigung durch die Liebhaber nur zu berechtigt, ja selbstverständlich erscheint.



1903 präsentierte Ernemann „in Gegenwart der Spitzen aller Behörden" in Dresden das Ergebnis einer dreijährigen Entwicklungsphase: den Ernemann Kino. Mit diesem ausdrücklich als „Kinematograph für Amateure" vermarkteten Gerät brachte er nicht nur die erste deutsche Schmalfilmkamera auf den Markt, sondern prägte nebenbei, nach eigenen Angaben, auch den Begriff, der im Lauf der Jahre als Abkürzung für den Kinematographen und als Bezeichnung für entsprechende Abspielstätten in den allgemeinen Sprachgebrauch eingehen sollte. Der Kino benutzte wie schon die Biokam 17,5 Millimeter breiten Film mit mittiger Perforation zwischen den Bildern, den der Dresdner Konzern in Deutschland als „Ernemann-Einlochfilm" vertrieb. Dieses erste reine Amateurfilmformat sollte die deutsche Amateurkinematographie für mehr als ein Jahrzehnt beherrschen.



2.4.2.1. Funktionsweise


Wie die meisten anderen Amateurkameras dieser Periode war auch der Kino ein kombiniertes Aufnahme- und Projektionsgerät, das zusätzlich auch zum Umkopieren der Negative zu Positiven benutzt werden konnte. Zum Filmen wurde an das nur 8 Zentimeter breite, 6 Zentimeter tiefe und 14 Zentimeter hohe Kamera-Gehäuse eine noch kleinere, lichtdichte Kassette für 15 Meter Einlochfilm angesetzt, die in etwas mehr als einer Minute abgedreht waren. Damit erlaubte der Schmalfilmapparat trotz seiner handlichen Maße und seinem geringen Gewicht von nur 700 Gramm ähnlich lange Aufnahmen wie die wesentlich sperrigeren und mehrere Kilo schweren Normalfilm-Geräte, wie sie zum Beispiel Messter dem Amateur zur selben Zeit anbot. Eine später zusätzlich erhältliche 50-Meter-Kassette erweiterte die Aufnahmedauer auf rund vier Minuten.


Der belichtete Film wurde dann in der Dunkelkammer auf einen Rahmen gewickelt und in einer Schale entwickelt. Das so entstandene Negativ wurde zusammen mit einem unbelichteten Positivfilm noch einmal durch die Kamera gekurbelt und dabei Bild für Bild auf das Positiv kopiert, welches daraufhin ebenfalls im Dunkeln entwickelt werden musste. Diese doch recht aufwendige und komplizierte Prozedur traute Ernemann seiner Kundschaft offensichtlich durchaus zu; die Amateurphotographen, die er mit dem Gerät vornehmlich ansprechen wollte, brachten durch ihr Hobby zwangsläufig die erforderlichen photo-chemischen Grundkenntnisse mit. Weniger Geübte konnten ihre belichteten Negative aber auch zur Entwicklung in Ernemanns Labor einsenden, der daraus für eine Mark pro Meter ein vorführbereites Diapositiv herstellte.


Zur Projektion des fertigen Films konnte der Kino, wie viele andere zeitgenössische Kameras, mit geöffneter Rückwand vor einen Laternenkasten montiert werden, der entweder schon im Haus vorhanden war oder ansonsten von Ernemann separat angeboten wurde. Die so projizierten Bilder erreichten immerhin eine Bildbreite von 1,20 bis 1,50 Meter, was für Familien-Vorführungen im Wohnzimmer völlig ausreichte. Bei dieser Vergrößerung dürfte auch der 17,5mm-Film noch ausreichend scharfe Bilder geliefert haben, dessen Bildfläche ja nur etwa ein Viertel der des 35mm-Films betrug.



2.4.2.2. Kauffilme


Auch wenn Ernemann selbst betonte, dass besonders die „Vorführung von selbst aufgenommenen kinematographischen Bildern eine Quelle reinster Freude" sei, führte er von Anfang an auch eine ganze Reihe fertiger Kauffilme im Sortiment, mit denen der Amateur seine Privat-Vorstellungen bereichern konnte. Offensichtlich wurde dieses Angebot so gut genutzt, dass Ernemann neben dem Aufnahme-Apparat bald auch reine Projektionsgeräte für den Einlochfilm herstellte, die nicht nur billiger, sondern auch einfacher zu bedienen waren und so auch einen technisch weniger versierten Kundenkreis ansprachen.


Eine 40-seitige Film-Liste aus dem Jahre 1907 führte mehr als 200 solcher vorproduzierter Kauffilme auf, die für 80 Pfennig pro Meter direkt vom Hersteller bezogen werden konnten. Der Großteil dieser Streifen war bei einer Länge von 5 bis 20 Metern und einer Dauer von etwa einer halben Minute bis anderthalb Minuten also für Preise zwischen 4 und 16 Mark zu haben. Nur einige wenige erreichten eine Länge von 50 Metern und dauerten damit gute vier Minuten, kosteten allerdings auch stolze 40 Mark.


Inhaltlich deckte das Angebot ähnliche Bereiche ab wie schon beinahe zehn Jahre zuvor der Messtersche Film-Katalog und wie sie auch weiterhin in den öffentlichen Filmvorführungen anzutreffen waren: kurze humoristische Spielszenen und dokumentarische Aufnahmen von militärischen, sportlichen und sonstigen gesellschaftlichen Ereignissen, Straßenszenen und Städte-Bilder, Kinder, Tiere und exotische Völker. Besonders stark vertreten waren die humoristischen Szenen; fast ein Drittel der angebotenen Filme fiel in diese Kategorie. Nach selten mehr als einer Minute endeten sie meist in wüsten Schlägereien, Schneeballschlachten, dem Umkippen von gedeckten Mittagstischen, Stürzen in Bäche oder Seen und ähnlichen Malheuren. Neben einer frühen Verfilmung der Streiche von Max und Moritz in mehreren Teilen findet sich hier auch, wahrscheinlich in einer nachgestellten Version, der beliebte begossene Gärtner, den schon die Gebrüder Lumière bei ihrer ersten öffentlichen Vorführung gezeigt hatten.


Als „Historische Bilder" bot Ernemann eine Reihe von Aufnahmen an, die König Friedrich August von Sachsen oder Kaiser Wilhelm II. bei offiziellen Anlässen zeigten, wie der Grundsteinlegung des Dresdner Rathauses, der Eröffnung einer Gartenbau-Ausstellung oder diversen Parademärschen. Vergleichbares zeigten auch die zahlreichen militärischen Aufnahmen von Manövern, Wachablösungen, Pantonbrückenbau, dem Dienst auf deutschen Kriegsschiffen und Ähnlichem. Neben einigen Bildern „von technischem Interesse", wie der Sprengung eines Schornsteins oder einer Gas-Explosion, waren auch die unterschiedlichsten Sportarten von Turnübungen, Kegeln und Skilaufen bis zu Automobil-Rennen, Ballonfahrten und Hahnenkämpfen auf Einlochfilm gebannt zu haben. Mit Stadtansichten aus sämtlichen deutschen Großstädten und einigen ausländischen Metropolen von Paris bis Kairo konnte sich der Privatmann lebendige Eindrücke von fernen Orten ins eigene Wohnzimmer holen, ohne je dort gewesen zu sein. Ähnlich wie solche Reise-Impressionen später in jedem Amateur-Urlaubsfilm zu finden sein sollten, nahm auch die Kategorie „Szenen aus dem Kinderleben" ein typisches Betätigungsfeld des Amateurfilmers vorweg: Kinder-Aufnahmen, von den ersten Schritten und Essversuchen über das Spielen mit dem Baukasten bis zum Schwimmen im Dorfteich. Unter einem weiteren Punkt waren Aufnahmen von allen möglichen Tierarten und von fremden Volksstämmen zusammengefasst, da diese nach damaligem Verständnis wohl von ähnlichem biologischem Interesse waren. Eine letzte Kategorie bot schließlich einige „Zauberbilder", die mit Stopp-Trick, Zeitraffer und rückwärts laufenden Aufnahmen die technischen Möglichkeiten der Filmtechnik für magische Effekte nutzten. Über besonders pikante Filme für „Herren-Vorstellungen" und wissenschaftliche Aufnahmen „von besonderem Interesse für Ärzte, Zoologen, Naturforscher usw." informierten gesondert anzufordernde Speziallisten.


Ob dieses breite Sortiment an Kauffilmen speziell für den Einsatz im Schmalfilm-Heimkino produziert wurde, ist schwer nachvollziehbar. Die inhaltliche Nähe zu den Programmen der kommerziellen Filmvorstellungen und die große Vielfalt insbesondere der komischen Spielszenen lässt vermuten, dass es sich zumindest teilweise um Filme handelte, die ursprünglich auf 35mm-Film für die öffentliche Aufführung hergestellt worden waren und von Ernemann für den Privatmarkt auf 17,5mm-Film umkopiert wurden. Die zahlreichen Aufnahmen von Ereignissen und Straßenszenen in Dresden, dem Sitz der Firma, konnten andererseits natürlich auch ohne weiteres von eigenen Operateuren direkt für den Vertrieb auf Einlochfilm gedreht worden sein. Einige der angebotenen Filme, vor allem die Kinderaufnahmen, machen gar den Eindruck als seien sie wirkliche Amateuraufnahmen, als private Erinnerung gefilmt und zusätzlich kommerziell ausgewertet.


Dass Ernemann tatsächlich Filme in sein Angebot aufnahm, die Kunden auf einem Kino gedreht und zur Entwicklung ins Labor eingesandt hatten, belegt ein Briefwechsel zwischen ihm und dem Ethnologen Prof. Dr. Karl Weule aus dem Jahr 1907. Weule hatte auf einer Expedition in die deutschen Kolonien in Ost-Afrika mit Ernemanns Amateurkamera Aufnahmen von Eingeborenen gemacht, die er nun zurück in Deutschland vor fachkundigem Publikum vorführen wollte. Ernemann war bereit, ihm die dafür nötige Ausrüstung kostenlos zur Verfügung zu stellen, wenn er im Gegenzug bei seinen Vorträgen „in empfehlender Weise des >Ernemann-Kino< gedenken" und ihm darüber hinaus die Verwertung der Aufnahmen erlauben würde: „Ferner würden wir Sie um die Erlaubnis zur Mitbenutzung der von Ihnen gemachten Kino-Aufnahmen bitten dergestalt, dass Sie uns die Vervielfältigung der Films [sic] und den Vertrieb derselben gestatten".


Dieses Beispiel gibt Anlass zur Vermutung, dass zumindest einige der Kauffilme ihren Ursprung in privaten Aufnahmen hatten, und macht nebenbei deutlich, dass diese erste Schmalfilmkamera nicht nur als reines Amateurgerät benutzt wurde, sondern durchaus auch für ernsthafte, wissenschaftliche Zwecke.



2.4.2.3. Das lebende Photoalbum


Wie sich Ernemann selbst die Verwendung des Kinos vorstellte, wird aus einer Werbebroschüre von 1907 ersichtlich. Dort wurden zwar ebenfalls die Einsatzmöglichkeiten des Apparates in Wissenschaft und Lehre erwähnt, den größten Nutzen für den privaten Amateur, für den das Gerät ausdrücklich hauptsächlich gedacht war, sah man aber in der Konservierung lebendiger Erinnerungen. Wie die Amateurphotographie dem Privatmann die Möglichkeit gegeben hatte, die Gesichter seiner Lieben auf Photopapier zu verewigen, sollte er sich nun mit dem Kino ein lebendiges Photoalbum schaffen können. Die Vorzüge, die das bewegte Bild gegenüber der Photographie bot, wurden ausführlich dargelegt:


Anlässe im Privatleben der Amateure, die es „in ihrer natürlichen Bewegung" auf Film zu bannen lohnte, sah Ernemann genug: die ersten Schritte des Jüngsten, den ersten Schultag, den Gang zum Traualtar und „zahllose andere bedeutungsreiche Augenblicke, deren >für immer bewahrtes Leben< von unschätzbarem Werte sein kann". Wie die professionelle Kinematographie von Anfang an gesellschaftliche Ereignisse wie Denkmalsenthüllungen und Schiffstaufen durch den Kaiser im bewegten Bild für die Nachwelt festgehalten hatte, so sollte nun auch der Privatmann die Möglichkeit bekommen, die wichtigsten und schönsten Momente des eigenen Lebens zu dokumentieren, um sie noch Jahre später naturgetreu und lebensecht wiedergeben zu können. Damit formulierte Ernemann eine grundlegende Funktion des Amateurfilms: Bis heute dienen private Film- und Videoaufnahmen in erster Linie dazu, flüchtige Augenblicke der persönlichen Biographie für immer lebendig aufzubewahren, Erinnerungen an frohe Stunden jederzeit abrufbar zu archivieren.


Wie der Kino von seinen Käufern tatsächlich genutzt wurde, was mit dieser frühen Amateurkamera wirklich gefilmt wurde, ist heute nur noch bedingt nachvollziehbar. Der größte Teil der frühen Amateuraufnahmen auf 17,5mm-Film hat den langen Zeitraum von hundert Jahren nicht überstanden, wohl auch weil schon seit Mitte der 10er Jahre keine Abspielgeräte für dieses Filmformat mehr hergestellt wurden. Unter den wenigen erhaltenen Einlochfilmen sind die privaten Aufnahmen des Apothekers Dr. Julius Neubronner aus Kronberg im Taunus. Er war schon vor der Jahrhundertwende ein begeisterter Hobby-Photograph gewesen und gehörte 1903 zu den ersten Amateuren, die sich Ernemanns Kino zulegten. Auch er nutzte die neue Technik vornehmlich, um seine Familie und sein näheres Umfeld zu porträtieren und unwiederbringliche Momente festzuhalten. Er filmte die Kinder beim Spielen im Garten oder beim Schlittschuhlaufen, die Hochzeit der Cousine oder den Geburtstag des Onkels, aber auch öffentliche Ereignisse in seiner Heimatstadt, wie Karnevalszüge, Automobil-Rennen oder sogar eine Militärparade in Anwesenheit des Kaisers.


Beim bloßen Dokumentieren und Abfilmen des Geschehens beließ er es aber meistens nicht. Selbst scheinbar dokumentarische Aufnahmen trugen oft deutliche Spuren von Inszenierung. So musste beispielsweise die komplette auf dem Geburtstag des Onkels versammelte Gesellschaft ganz offensichtlich speziell für die Kamera unter großem Hallo durchs Gartentor hinaus und wieder hinein spazieren. Und auch die Skifahrer, die Neubronner auf dem Feldberg filmte, fielen auffällig oft mit möglichst ausladenden Gesten direkt vor der Kamera zu Boden. Noch deutlicher sichtbar ist die Inszenierung bei einigen Filmen, die im Garten des Apothekers vor bemalten Pappkulissen entstanden: Hier spielte die Familie Neubronner 'Spazieren Gehen', der Vater stellte mit einigen Bekannten eine Hirschjagd nach, die Kinder zeigten artistische Turnübungen und die Mutter führte mit Freundinnen einen einstudierten Tanz vor. Als Zauberkünstler verwandelte Julius Neubronner vor diesen Kulissen mit Hilfe des Stopp-Tricks den Sohn in die Tochter, und sogar eine kurze fiktionale Spielhandlung, ebenfalls garniert mit einigen Stopp-Trick-Effekten, wurde auf dieser Freilichtbühne produziert.


Sämtliche dieser frühen Amateuraufnahmen wirken sorgfältig vorbereitet und arrangiert. Zum spontanen, schnappschussartigen 'Draufhalten' war das Filmen auch mit Ernemanns Schmalfilmkamera zu aufwendig und teuer. Um kein wertvolles Filmmaterial zu verschwenden, musste das Geschehen vor der Kamera genau geplant und dirigiert werden. Eine naturgetreue, authentische Wiedergabe des wirklichen Lebens, wie sie Ernemanns Werbung versprach, war unter diesen Umständen schwierig, auch alleine schon deshalb, weil das Auftauchen einer Filmkamera in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts noch eine solche Sensation darstell- te, dass jegliches natürliche Verhalten augenblicklich in selbstdarstellerisches Gehabe umschlug.


Neubronners Amateurfilme orientierten sich deutlich erkennbar an den professionell produzierten Filmen, wie sie in den Varietés und Wanderkinos jener Tage zu sehen waren. Mit den abgefilmten artistischen Darbietungen seiner Söhne, seinen Zauberkunststückchen und der von Verwandlungstricks durchsetzten phantastischen Spielszene ahmte er Genres nach, die sich im Nummernprogramm der öffentlichen Kinematographen-Vorstellungen rasch etabliert hatten. Auch seine dokumentarischen Aufnahmen von offiziellen Anlässen, allen voran die Bilder vom öffentlichen Auftritt des Kaisers in Kronberg, hätten durchaus einer kommerziellen Filmvorführung entliehen sein können. Augenscheinlich ging es ihm, wie vielen späteren engagierten Filmamateuren auch, nicht nur darum, persönliche Familienerinnerungen auf Zelluloid zu bannen, sondern dabei die Erzählformen des jungen Mediums Film zu imitieren und selbst durchzuspielen.


Dementsprechend waren vermutlich auch die privaten Vorführungen der eigenen Werke im Heimkino an die professionelle Vorführpraxis angelehnt. Zu solchen Anlässen wurden über den engsten Familienkreis hinaus auch Verwandte und Bekannte in den heimischen Salon geladen, denen es ein abwechslungsreiches Programm zu bieten galt. Zusätzlich zu den eigenen Produktionen konnte man dafür auf Ernemanns reichhaltiges Angebot an Kauffilmen zurückgreifen. Wie in den Nummernprogrammen der Varietés konnte man so seinen Gästen eine bunte Abfolge von kurzen Filmbeiträgen aus verschiedenen inhaltlichen Bereichen präsentieren: Humoristisches, Lehrreiches, Artistisches, Militärisches, mal mit bekannten Gesichtern aus der Familie, mal mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Manche von Ernemanns Filmprojektoren waren außerdem auch für die Projektion von Glasbildern ausgerüstet, so dass man das Programm noch um einen Diavortrag bereichern konnte. Julius Neubronner kombinierte darüber hinaus seine Vorführungen auf besondere Weise mit Live-Musik: Er hatte seinen Sohn beim Geigenspiel gefilmt, und während dieser Film gezeigt wurde, begleitete der junge Musiker sein filmisches Abbild synchron auf der Geige. Diese frühe Form der Filmvertonung zeugt nicht nur von Neubronners schöpferischem Einfallsreichtum, sondern lässt erahnen, dass er seine Film-Vorführung als multimediales Unterhaltungsprogramm begriff, wie es eben auch in den öffentlichen Vergnügungsstätten dieser Zeit anzutreffen war.


Inwiefern Julius Neubronners Amateurfilme und sein kreativer Umgang mit den technischen Möglichkeiten des Mediums repräsentativ sind für die Art und Weise, in der Ernemanns Apparate von den ersten Filmamateuren genutzt wurde, ist leider schwer zu sagen. Fest steht aber, dass Ernemann mit seinem Kino dem Privatmann grundsätzlich die Möglichkeit bot, einerseits seine Familie und sein Umfeld im bewegten Bild zu porträtieren und sein Leben auf Film zu dokumentieren, und sich andererseits über das umfangreiche Kauffilmangebot das Erlebnis des neuen Unterhaltungsmediums Film in der Form ins eigene Wohnzimmer zu holen, die er aus den öffentlichen Filmvorführungen kannte.



2.4.2.4. Verbreitung des Kinos


In welchem Umfang dieses Angebot tatsächlich genutzt wurde ist ebenfalls schwer festzustellen. Nach eigenen Angaben des Herstellers war die Einführung des Kino ein durchschlagender Erfolg gewesen, so dass sich der Apparat rasch in den Kreisen der Amateure einbürgerte und über ein Jahrzehnt lang das Feld beherrschte. Auch Michael Kuball berichtet, dass sich der Ernemann-Kino einer solch „großen Beliebtheit [...] in Amateurkreisen erfreute [...], daß [sic] viele Hunderte von diesen Apparaten im Laufe der Jahre geliefert wurden". Zum populären Massensport dürfte die Amateurkinematographie mit diesem frühen Schmalfilmgerät dennoch nicht geworden sein. Auch wenn durch die Halbierung des Filmformats sowohl das Filmmaterial als auch die Geräte im Vergleich zu Messters Normalfilmapparaten wesentlich handlicher und vor allem auch billiger geworden waren, blieb das private Filmen auch mit dem Einlochfilm noch ein relativ teures Vergnügen. Das Grundmodell des Ernemann-Kino kostete ohne weiteres Zubehör immerhin schon 180 Mark. Damit alleine war es aber noch nicht getan, wie Ernemanns Katalog aufklärte:


Zu einer kompletten kinematographischen Ausrüstung, mit deren Hilfe man kinematographische Bilder aufnehmen, entwickeln und projizieren kann, gehört: 1. Ein kompletter >Ernemann-Kino<, 2. ein starkes Stativ [...], 3. Entwicklungs-Schalen und sonstige Dunkelkammer-Ausrüstung, 4. eine Projektions-Laterne, 5. eine Lichtquelle, 6. ein Projektions-Schirm, 7. einige Rollen Negativ- und Positiv-Film.



Eine vollständige „Kino-Universal-Ausrüstung für Familiengebrauch" schlug so schon mit satten 334,80 Mark zu Buche. Für eine elektrische Lichtquelle oder ein hochwertigeres Objektiv zahlte man noch mal einen deutlichen Aufschlag. Dazu kamen die laufenden Kosten für die Herstellung eigener Filme. Für 15 Meter Negativmaterial verlangte Ernemann 9 Mark, die Entwicklung und Anfertigung eines vorführbereiten Positivs übernahm er für 1 Mark pro Meter. Ein Amateurfilm von etwas mehr als einer Minute Länge kostete also schon 24 Mark. Und auch die Heimkino-Vorführung der vorgefertigten Kauffilme hatte ihren Preis. Ernemann gab an, dass, inklusive der Pausen zum Wechseln der Filmrollen, bei „einer Vorführung von 1 Stunde etwa 25 Films [sic] mittlerer Länge" benötigt würden. Bei einer durchschnittlichen Filmlänge von zehn Metern, die weniger als einer Minute Abspielzeit entsprachen, kam man so selbst mit dem günstig erscheinenden Meterpreis von 80 Pfennig auf Kosten von rund 200 Mark für eine Stunde filmischer Unterhaltung. Eine Vorstellung dieser Länge bekam man in den öffentlichen Abspielstätten allerdings schon zu Eintrittspreisen von weniger als einer Mark geboten.


Bedenkt man, dass der Tageslohn eines gewöhnlichen Arbeiters 1904 bei ungefähr zwei Mark lag wird deutlich, dass sich nur Familien des gutsituierten Bürgertums dieses neue Privatvergnügen leisten konnten. Das bestätigt auch eine Auflistung zufriedener Kunden, die Ernemann zu Werbezwecken abdruckte: Neben dem Apotheker Julius Neubronner werden hier mit diversen Doktoren, Professoren und Ärzten, wie bereits bei Messter, ausschließlich Vertreter der oberen Einkommensklassen aufgeführt.


Ungeachtet der tatsächlichen Verbreitung der Geräte kann Ernemanns 17,5mm-Einloch-System als erster deutscher Versuch betrachtet werden, ein schmaleres und daher günstigeres Filmformat speziell für Amateure auf dem Markt zu etablieren. Obwohl dieses erste Schmalfilmformat den Bedürfnissen der privaten Filmliebhaber deutlich entgegenkam, indem es sowohl die Kosten für das Filmmaterial als auch die Größe der Geräte reduzierte, hielt es sich nur etwa zehn Jahre auf dem Markt. 1914 stellte Ernemann die Produktion des Kinos ein und beendete damit auch die Zeit des 17,5mm-Films. Bis in die 20er Jahre hinein sollten die Amateure in Deutschland nun wieder ausschließlich auf den 35mm-Film angewiesen sein. Die Gründe für diese Rückkehr zum Normalfilm sind nicht ohne weiteres ersichtlich, sollen aber im folgenden Teil näher betrachtet werden.